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Frühstück mit Birnen         Der Mann, das Geld und der Salat         Die Arbeitswelt der Zukunft


Keramikwildschweine (c) Olivia Weiß

Keramikwildschweine (c) Olivia Weiß

Frühstück mit Birnen

Es ist nun einmal so, dass Wildschweine nicht ins Haus gelassen werden sollten. Klopft ein Wildschwein an die Tür, darf es nicht eingelassen werden. Allerorten warnen Eltern ihre Kinder davor, die Fehler, die sie einst ins Unglück stürzten, zu wiederholen, und allerorten wiederholen Kinder die Fehler ihrer Eltern und stürzen sich ins Unglück. Das natürliche Habitat des Wildschweins ist, wie jeder weiß, der Wald, wo es faul unter irgendwelchen Bäumen herumsteht. Gelegentlich fällt auch eines um, weil eine Gewehrkugel ihm die Eingeweide zerfetzt hat, und ernährt damit Gewerkschaftsvertreter, Filialleiter oder Touristen, die in Gastgärten unter aufgespannten Sonnenschirmen sitzen – oder es fängt Streit an und muss zurechtgewiesen werden.

Ein Dichter hatte sich unsterblich in eine Sängerin verliebt. Getreu seinen Prinzipien, stellte er ihr noch am Bühneneingang nach und drohte mit heißem Atem, Gedichte auf ihre Anmut, Schönheit und Reinheit zu verfassen. Er trippelte ihr nach wie ein Hündchen, und während sie beide an der Kassa standen und warteten, bis die Kassiererin die Birnen abgewogen hatte – die junge Sängerin hatte das in der Aufregung vergessen – nutzte er die Gelegenheit, um sie mit ersten Versuchen zu bewerfen.

Seine Belagerung wurde unerträglich. Sie litten beide, nur er jedoch mit Begeisterung und gefühlter Heldenhaftigkeit, jedes Blatt, das der Herbstwind über die Fußmatte der Opernsängerin fegte, mit wilder, feierlicher Entschlossenheit ins Auge fassend, denn naturgemäß verdächtigte er jeden Gegenstand, auf den das Licht seiner Augen fiel, heimliches Sinnbild seiner Seelenqualen zu sein. Sie beobachtete ihn durch den Vorhang und fischte dabei Birnenstücke mit spitzen Fingern aus einer Porzellanschüssel, fand sonst wenig zu tun, klappte den Laptop auf, um sich durch die Rezensionen zu klicken, die ihre Auftritte allesamt in den höchsten Tönen lobten. Hie und da antwortete sie ausgewählten Zuschriften, wenn ihr der Name eines Absenders gefiel oder wenn einer ihre Stimme mit besonders schönen Worten zu beschreiben wusste.

Ein Verrückter, dachte sie, als ihr Blick nach Stunden wieder durch den Vorhang auf die Lichtflecken der Straßenlaternen fiel. Er schien müde geworden zu sein vom vielen Dichten und Denken, lehnte schließlich im Schein einer Straßenlaterne – ein Pflock, dachte sie, er lehnt dort wie ein schief in die Erde getriebener Pflock –, still, immer noch in höchster dichterischer Konzentration, aber ohne viel Aufhebens darum zu machen.

Als er schließlich sogar sein Handy zückte, wandte sie sich enttäuscht ab und ging zu Bett. Sie wollte schlafen, doch ihr Kopf kam nicht zur Ruhe. Da war dieses Kratzen von draußen wie von unsichtbaren Ästen, die über das Fensterglas streiften. Etwas schnaubte, hämmerte, versprühte die seltsamsten Geräusche. Was zum Teufel dichtet er da draußen?, dachte sie.

Am Morgen ging sie gleich in die Küche. „Du hast mich wohl schon vergessen, was?“, rief sie vom Fenster hinab auf die Straße, denn er war in sich zusammengesackt und sah nun recht unvorteilhaft aus. „Hier“, rief sie, „hier bin ich!“ und gab ihm ein Zeichen mit der Hand, doch wenn er auch kurz aufsah, zog die Schwere seiner Gedanken ihm die Denkerstirn bald wieder tief vor die Brust.

„Nimm es doch nicht so schwer mit dem Dichten“, versuchte sie ihn zu trösten. Sie fütterte ihn mit einer Birne. Dann nahm er noch eine, blickte treuherzig auf und folgte ihr ins Haus. Er saß dort still und trübsinnig, rührte in der Kaffeetasse und ließ mehrere Minuten vergehen, bevor er wagte, das Butterbrot, das sie ihm geschmiert und auf das Porzellantellerchen gelegt hatte, mit schmalen Fingern anzufassen. Er ist versiegt, stellte sie fest. Er dichtet nicht mehr, blickt mich nur an mit diesen kleinen, braven Augen, als sähe er mich zum ersten Mal. „Also“, sagte sie ernst, „jetzt hast du meine Birnen gegessen. Nun lass auch etwas hören.“

Sie war gerührt. Tatsächlich, denn er sprach von Stürmen und rostigen Gewehrkugeln, vom wilden Atem des Tieres, von Fluchten, Jagdhörnern und Gulaschsuppen.

„Ich finde das eigentlich ganz nett“, sagte sie höflich. Ihr schossen ein paar Bilder von Inszenierungen durch den Kopf, nichts Ernsthaftes, aber immerhin. „Was gefällt dir denn nicht?“

Er wollte erklären, suchte und streckte dafür die zittrigen Finger. Er spürte das satte Schlagen eines willigen, liebenden Herzens tief unter sich, roch die Lust ihres Mundes. Er beobachtete ihren Atem, der warm und weich an seine Augen strömte. Morgennebel hing an den Fenstern, sah er. Die Äste fassten lüstern durch die Mauern. Du bist eben ein Schwein, dachte er von sich selbst. Er zog das Handy aus der Tasche: Gleich drei von zehn Frauen, über deren Gesichter er nachts voller Zunder gewischt hatte, bekundeten ihre Vorliebe für die Natur, insbesondere für den nächtlichen Wald. Du bist eben nichts als ein Schwein.


Der Mann das Geld und der Salat

Der Mann, das Geld und der Salat

Der Mann, das Geld und der Salat

Was soll ich Ihnen sagen, die Menschen lieben nun einmal das Geld. Es ist Sonntagvormittag und ein Mann mit lustigen Haaren findet beim Umstechen seines Gartens einen 50-Euro-Schein. Was für ein Tag, sagt er und wischt sich den Schweiß in sein Hemd. Die Menschen lieben eben das Geld. Sie springen in die Luft, wenn es unverhofft irgendwo auftaucht und drücken es sich ans Herz. So mancher, hörte ich, nehme seinen Geldschein mit ins Bett, kuschle mit ihm oder baue ihm ein kleines Bettchen aus Porzellan.

Wenn einer 50 Euro findet, lässt er den Spaten fallen und macht sich ein Bier auf. Am blau-weiß gestreiften Küchentisch streicht er den Schein glatt. Ja, was außer Geld vermag einem Menschen ein solches Strahlen ins Gesicht zu zeichnen! Er küsst und küsst, er prostet seinem Geldschein zu, faltet ihn auf und zusammen. Ja, liebe Leserin, lieber Leser, dieses Glück zaubert auch uns, die wir nichts gefunden haben, ein Lächeln auf die Lippen. In diesem Glück könnte ich Sie jetzt belassen. Genießen Sie es noch eine Weile. Denn gleich passiert etwas. Gleich nämlich wird unser Mann hochschrecken und seinen Geldschein rasch in die Hemdtasche stecken.

Wenn einer Geld findet, will er es für sich allein. Das weiß jedes Kind. Wo wahre Liebe einzieht, wohnt die Eifersucht gern gratis zur Untermiete. Nur sagen manche, so eine Liebe sei nicht rechtens. Ich saß im Park gegenüber, als dieser Geldpolizist am Haus unseres Mannes läutete und mit gierigen Händen über dem Gartentor hing. Ein wahrer Schein, hörte ich, sei nur der, der von Hand zu Hand gereicht. Er müsse unter Seinesgleichen, alle anderen Vorgehensweisen widersprächen der artgerechten Haltung.

Er nahm den Schein und trug ihn fort. Niemand wird wissen, welchen Händen er nun zum Glück gereicht, und sollte unser Mann ihn je wieder in die Hände bekommen, so bleibt er ihm wohl unerkannt, wie doch auch wir unsere erste große Liebe aus Kindertagen nicht mehr erkennen, wenn sie uns heute vor dem Einkaufszentrum einen Handyvertrag anbietet. Wir denken nun an den armen Mann. Von Unruhe aufgescheucht geht er hinaus, um kleine Salatköpfe zu setzen. Aber die werden von Schnecken gefressen werden. Sein Rücken schmerzt. Und später sitzt er allein in seiner Stube, um dort in seine nackten Handschalen zu starren.


Keramikwildschweine "Leistungsträger" und "Höhere Gewalt" (c) Olivia Weiß

Keramikwildschweine „Leistungsträger“ und „Höhere Gewalt“ (c) Olivia Weiß

Die Arbeitswelt der Zukunft

Eine Freundin, einer der klügsten und gebildetsten Menschen, die ich kennenlernen durfte, hatte sich um ein Praktikum als Redakteurin beworben.

„Ich hab’s nicht geschafft“, erzählte sie. „Weißt du, die anderen hatten einfach die besseren Ideen.“

Um ihre Eignung zu prüfen, war sie nämlich in einem sogenannten Assessment-Center vor die schwierige Aufgabe gestellt worden, eine Idee für die „Arbeitswelt der Zukunft“ zu entwickeln. Der Projektvorschlag des umjubelten Gewinners, der sich – wie es im Newsletter der Redaktion hieß – bereits sehr darauf freute, sechs Monate unbezahlt zu arbeiten, würde die Arbeit in den Redaktionen dieser Welt stark vereinfachen. Durch den Einsatz einer Ghostwriter-Software bräuchte es pro Zeitung zukünftig nur noch einen einzigen Redakteur. Dieser hätte lediglich die Software mit entsprechenden Schlagwörtern zu füttern. Auch die politische Ausrichtung des Geschriebenen ließe sich an einer zehnstufigen Skala einstellen: von rechts bis links, von liberal bis „Erdogan“. Die Software, für die lediglich einmal jährlich eine Lizenzgebühr fällig wäre, könne aber auch Gedichte schreiben, also vom Duft der Schneeglöckchen berichten oder von der Einsamkeit einer Raupe auf einer grünen Vorhangstange.

„Schade, dass es nicht geklappt hat“, sagte ich. „Aber jetzt möchte ich doch zu gern wissen, womit du dich denn beworben hast?“

Nun, räumte sie zerknirscht ein, sie hätte es sicher übertrieben, aber ihr Vorschlag für die „Arbeitswelt der Zukunft“ basiere nun einmal auf der verrückten Idee, dass auch die reichsten Menschen ihre Gewinne zu versteuern hätten. Arbeitende Menschen müssten für ihre Arbeit ganz einfach bezahlt werden und alleinerziehende Mütter würden finanziell unterstützt anstatt systematisch in die Armut getrieben. Das aber sei der Jury einfach viel zu utopisch gewesen.