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Spiel der Krähen
Es geschah im zwölften Jahr seiner Beziehung. Ein Mann, der sich seine Zukunft anders vorgestellt hatte, überquerte eine lang gezogene Fußgängerbrücke, denn er suchte das Meer, wie es doch allerorten an den falschen Stellen gesucht wird. Dort jedenfalls, hinter dieser mit Stacheldraht bewehrten Industrieanlage, die im Rhythmus seiner Schritte auf und ab hüpfte, war es nicht.

Wenn er später davon erzählte, würde er behaupten, die Erinnerung drücke ihn zusammen, sie schleiche ihm nach, er erwarte, jederzeit von ihr mit einem einzigen wuchtigen Schlag niedergestreckt zu werden. Aber der Mann ist ein Lügner, denn was ihn überraschte, war nicht die Tatsache, dass seine Frau ihn vor nicht einmal 48 Stunden verlassen hatte, sondern allein, dass seine Tochter, die seit Verlassen des Zuges kein Wort gesagt hatte, ihm seit einer Viertelstunde die Hand gab.

An der knatternden Markise eines Waschbetonblocks, der ihr Hotel war, hockten zwei Krähen und versuchten, etwas zu verschlucken. Der Mann nannte seinen Namen, er legte die Pässe auf den Rezeptionstisch, trug sein Geburtsdatum und dann das seiner Tochter in ein Formular, bevor der Rezeptionist eine steile Treppe hinab deutete.

Seine Tochter ging mit dem Schlüssel voraus. Ihr Hotelzimmer lag am Ende eines lichtlosen, mit verstaubten Spiegeln ausgekleideten Gangs. Es war offensichtlich lange nicht in Verwendung gewesen. Schleifspuren am Spannteppich zeugten davon, dass man das Bett erst kürzlich hineingeschoben hatte. In einer Nische im Vorraum rasselte ein großer Kühlschrank. Und noch bevor er ganz eingetreten war, dachte der Mann, dass er nun zurückgehen und sich beim Rezeptionisten beschweren würde, er würde dem kleinen, buckligen Mann den Computerausdruck seiner Reservierung unter die Nase halten und mit der Kuppe seines Zeigefingers abwechselnd auf die Wörter Einzelbetten und Meerblick klopfen.

„Willst du etwas essen?“, fragte er.

Er musste einen Augenblick eingeschlafen gewesen sein, denn als er die Augen öffnete, kniete seine Tochter neben ihm am Kopfende des großen Doppelbetts. Die Träger ihres Rucksacks hatten Ringe aus Schweiß an ihren Schultern hinterlassen. Sie schien ihn beobachtet zu haben. Hinter ihr rollten zwei Müllmänner eine orange Plastiktonne über die Betonplatten. Im schmalen Kellerfenster sah man nur ihre Schuhe. „Willst du essen gehen?“, wiederholte er seine Frage, nicht sicher, wie viel Zeit dazwischen vergangen war. „Komm“, sagte er, „wir gehen etwas essen und dann bekommst du dein Geschenk.“

Er setzte sich auf und fasste sich an die Sakkotasche. Seine Tochter feierte nächste Woche ihren 11ten Geburtstag, und zum ersten Mal seit ihrer Geburt würden sie sich an diesem Tag nicht sehen. Sie hatte sich ein Taschenmesser gewünscht. Ein Kind in einem Fernsehspot schnitt sich damit Pfeil und Bogen und robbte in Indianerhose und mit kriegsfarbengeschminkten Wangen über den Waldboden, ein geschicktes, ein gesundes, ein fröhliches Kind. Er war nicht sicher, was seine Tochter damit anstellen würde.

Um diese Jahreszeit tummelten sich nur noch die Fischer am Strand und hievten Netze mit zuckenden Fischleibern aus ihren Blechbooten. Die Sonnenschirme der Cafés und Restaurants lagen eingerollt unter den Holztreppen. Ein steter Wind blies Muster aus feuchtem Sand an die leeren Fassaden. Weiter unten am Hafen schwirrte ein Schwarm von Krähen um einen angespülten Körper. „Geh nicht zu weit hinaus, hörst du?“, rief er seiner Tochter nach. Sie hatte sich die Sandalen ausgezogen und ließ sich die bleifarbene Gischt auf die nackten Waden spritzen. Für einen Augenblick schien sich der Strand unter dem aufsteigenden Schwarm der Krähen zu verdunkeln. Wenn sie fiel, würde er aufstehen und ihr nachklettern, dachte er. „Nur ein paar Schritte hinaus, ja?“, und wieder wusste er, dass er ihr jetzt nachklettern würde, ihr an die Mole nacheilen, ihre Hand fassen und sie ans Ufer zurückführen. Wie schwarze Früchte saßen die Krähen nun über seinem Kopf in den Platanen. Wie unsinnig, dass ich daran denke, dachte er, und es schauderte ihn, und wenn er später davon erzählte, würde er behaupten, es schauderte ihn vor den bleifarbenen Wassermassen, die mit jedem Wellenschlag über die Mole hereinbrachen und der Vorstellung, sie könnten seine Tochter, die dort an der Hafenmauer hockte, einfach mit sich spülen, wo es ihn doch allein vor der Stille schauderte, vor der Stille, wusste er, nur vor der Stille.

„Hast du es genommen?“, fragte er.

Sein plötzliches Erscheinen schien sie zu erschrecken. „Dein Geschenk“, sagte er und klopfte sich gegen die leere Sakkotasche. Er war etwas außer Atem. „Hast du es herausgenommen?“

Da bemerkte er den Gegenstand zwischen zwei eingemauerten Felsblöcken.

„Hier“, sagte er und bückte sich. „Für dich.“

Sie drehte es vorsichtig in ihren kräftigen, etwas zu breiten Händen, bevor sie die Schlaufe öffnete. Unter ihrem Daumennagel riss das Papier. „Weißt du, wie man es richtig hält?“ Und wieder fragte er sich, ob es denn ein gutes Geschenk war.

Es war schon dunkel, als sie in ihr Zimmer zurückkehrten. Als er die Decke vom Doppelbett zog, um sich damit auf die Couch am anderen Ende des Raumes zu legen, fiel ihm ein, dass sie nichts gegessen hatten. Ein kleines Trapez aus Licht lag auf seinem Brustkorb. Er hörte, wie sich seine Tochter die Kleidung abstreifte. Lange Zeit wälzte sie sich hin und her, das Geräusch der ächzenden Federkerne von beunruhigender Gleichmäßigkeit wie eine nur geringfügig aus dem Takt gekommene Maschine.

Hatte er denn geschlafen?, fragte er sich und setzte sich auf. Ein schmutziger Streifen Licht spannte sich über den Teppich. Die Kühlschranktür war nur angelehnt, er konnte das nicht aushalten.

„Schläfst du?“, flüsterte er mehr zu sich selbst. Er dachte daran, wie sie heute Nachmittag auf die Mole geklettert war und glaubte, jetzt in dieses Bild zu stürzen, in diesen Salzgeruch zu stürzen, immer tiefer zu stürzen, bis es ihn schauderte und er wie von selbst den Fuß auf den Spannteppich stellte. „Bist du wach?“, fragte er wieder, aber die Schatten gaben keine Antwort, schwollen an, fielen in sich zusammen.

Mit ausgestreckten Armen tastete er sich durch den ihm unbekannten Raum. Er wusste, sie lag dort unter der Decke, auf die Seite gerollt, sie war in Sicherheit, sagte er sich, aber musste doch feststellen, dass nichts an diesem Satz ihn zu beruhigen vermochte. Ein Mensch wie er ängstigt sich vor der Stille.

Auf den Fächern im Kühlschrank lag ein Körper in Zeitungspapier gewickelt. Er war gewiss tot, stellte der Mann fest, noch bevor er die nassen Zeitungsfetzen aufblätterte. Es riecht nach Meer, immer noch riecht es nach Meer, und dieser Geruch gab ihm Hoffnung.

Der Mann, das Geld und der Salat
Was soll ich Ihnen sagen, die Menschen lieben nun einmal das Geld. Es ist Sonntagvormittag und ein Mann mit lustigen Haaren findet beim Umstechen seines Gartens einen 50-Euro-Schein. Was für ein Tag, sagt er und wischt sich den Schweiß in sein Hemd. Die Menschen lieben eben das Geld. Sie springen in die Luft, wenn es unverhofft irgendwo auftaucht und drücken es sich ans Herz. So mancher, hörte ich, nehme seinen Geldschein mit ins Bett, kuschle mit ihm oder baue ihm ein kleines Bettchen aus Porzellan.

Wenn einer 50 Euro findet, lässt er den Spaten fallen und macht sich ein Bier auf. Am blau-weiß gestreiften Küchentisch streicht er den Schein glatt. Ja, was außer Geld vermag einem Menschen ein solches Strahlen ins Gesicht zu zeichnen! Er küsst und küsst, er prostet seinem Geldschein zu, faltet ihn auf und zusammen. Ja, liebe Leserin, lieber Leser, dieses Glück zaubert auch uns, die wir nichts gefunden haben, ein Lächeln auf die Lippen. In diesem Glück könnte ich Sie jetzt belassen. Genießen Sie es noch eine Weile. Denn gleich passiert etwas. Gleich nämlich wird unser Mann hochschrecken und seinen Geldschein rasch in die Hemdtasche stecken.

Wenn einer Geld findet, will er es für sich allein. Das weiß jedes Kind. Wo wahre Liebe einzieht, wohnt die Eifersucht gern gratis zur Untermiete. Nur sagen manche, so eine Liebe sei nicht rechtens. Ich saß im Park gegenüber, als dieser Geldpolizist am Haus unseres Mannes läutete und mit gierigen Händen über dem Gartentor hing. Ein wahrer Schein, hörte ich, sei nur der, der von Hand zu Hand gereicht. Er müsse unter Seinesgleichen, alle anderen Vorgehensweisen widersprächen der artgerechten Haltung.

Er nahm den Schein und trug ihn fort. Niemand wird wissen, welchen Händen er nun zum Glück gereicht, und sollte unser Mann ihn je wieder in die Hände bekommen, so bleibt er ihm wohl unerkannt wie doch auch wir unsere erste große Liebe aus Kindertagen nicht mehr erkennen, wenn sie uns heute vor dem Einkaufszentrum einen Handyvertrag anbietet. Wir denken nun an den armen Mann. Von Unruhe aufgescheucht geht er hinaus, um kleine Salatköpfe zu setzen. Aber die werden von Schnecken gefressen werden. Sein Rücken schmerzt. Und später sitzt er allein in seiner Stube, um dort in seine nackten Handschalen zu starren.

Türen mit Seitenteilen
Ich will Ihnen heute von meiner Heimat erzählen. Sie kennen Österreich als ein Land mit hohen Bergen, überteuerten Kaffeehäusern und kuriosen Bräuchen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich fürchte, ich bin ein Stück weit neben diesen Vorstellungen aufgewachsen, denn dort, wo ich meine Kindheit verbrachte, war damals ein Zaun. Genau genommen war dort nicht nur einer, sondern gleich mehrere Zäune, außerdem Mauern mit Stacheldraht, Wachtürme und sogar Tretminen. Der Eiserne Vorhang verlief nur einige hundert Meter vom Haus meiner Großmutter entfernt, und wenn wir am Gründonnerstag Palmkätzchen am Ufer schnitten, fuhren jenseits des Grenzflusses die tschechoslowakischen Wachsoldaten in ihren Jeeps auf und ab.

Als letzten Sommer die Flüchtlingsströme schließlich auch Österreichs Grenzen erreichten, hieß es, Österreich mache die Herzen weit und die Grenzbalken hoch. Doch alles hat eine Grenze, sogar die österreichische Gastfreundschaft, und in Zeiten, in denen nicht nur die Gürtel, sondern auch die Herzen enger geschnürt werden, begannen nahe des Hauses meiner Großmutter Baumaßnahmen, die zu vielen Diskussionen führten. Sie wissen, was ein Zaun ist? Ich darf Ihnen gratulieren, denn diese scheinbar so triviale Frage ist kniffliger als es den Anschein hat. Österreichs Sprach-Experten arbeiten seit Monaten an der endgültigen begrifflichen Klärung. Fest steht bislang lediglich, dass es in Österreich gar keine Zäune gibt, wenn Sie also einen gesehen haben, vergessen Sie das. Es gibt in Österreich keine Zäune, schon gar nicht an den Außengrenzen.

Anfang des Jahres stand ein Journalist mit der Innenministerin an einer dieser Baumaßnahmen, die man in der Nähe des großmütterlichen Hauses in den Schlamm gesteckt hatte. Auch ein Profi-Reporter kann irren, und ich möchte ihm zugutehalten, dass dieses Ding einem Zaun tatsächlich täuschend ähnlich sah. Es handle sich jedoch mit Sicherheit um keinen Zaun, klärte die Innenministerin auf, sondern um eine „besondere bauliche Maßnahme“. Der Verteidigungsminister wiederum sprach von „notwendigen Baumaßnahmen an der Grenze“, ob diese nun besonders oder ganz gewöhnlich seien, darüber verlor er kein Wort, lediglich die Grenze ließ sich nicht leugnen. Denn wenn sich mitunter auch Bedeutungen in Worthülsen verstecken lassen, so doch sicher keine ganzen LKWs vor den Augen meiner Großmutter, zumal wenn aus diesen LKWs Rollen mit frischem Stacheldraht abgewickelt werden. Auch der Vizekanzler wollte den Zaun vor lauter Maschendraht nicht erkennen. Das Foto, das ihm der Journalist unter die Nase hielt, zeige „technische Sicherungen“. Und schließlich vermeldete auch der Kanzler – nicht nur in Fragen der Semantik für seine atemberaubende Expertise bekannt – es handle sich bei den gezeigten Objekten um „Türen mit Seitenteilen“.

Im Osten Österreichs neigt man übrigens dazu, Wörter durch das Anhängen der Endung „erl“ zu verniedlichen. Aus einem Krug wird dann leicht ein „Krügerl“, aus einer Zigarette ein „Zigaretterl“ und aus einem Politiker ein Würstl. 25 Jahre nachdem der Stacheldraht zerschnitten wurde, stehen jetzt „Türln mit Seitenteilen“ am ehemaligen Eisernen Vorhang – keine Ahnung, worüber sich ganz Europa da so aufregt.

(Alle hier veröffentlichten Texte unterliegen dem Urheberrecht. Sie stehen den Nutzern allein zu persönlichen Zwecken zur Verfügung. Jede darüber hinausgehende Verwertung, namentlich die Vervielfältigung, Verbreitung oder Veröffentlichung, bedarf der Zustimmung des Autors. Die Illustrationen stammen von der Wiener Künstlerin Olivia Weiß.)

Das Mädchen und seine Liebhaber
Es war ein Mädchen, das suchte einen Liebhaber. Aber die Hände der Männer waren Schraubstöcke, das machte die Arbeit am Feld. In der Mittagshitze nämlich stachen sie den Spargel und waren durstig und sehnten sich nach Körpern, die nicht hier waren. Und wenn sie glaubten, es höre sie nicht, sprachen sie auch über das Mädchen. Mit ihren Reden zogen sie ihm die Haut vom Fleisch, das machte die Einsamkeit.

Da lief das Mädchen fort und sprang in den See und schwamm hinaus, wo er am tiefsten war. Im Abendlicht glitzerte dort etwas, das sah so schön aus, als lägen dort Edelsteine am Grund.

Aber als es aufwachte, stand ein Jüngling neben ihm, der hatte es an Land gezogen. Der war schön wie kein zweiter und wohnte in einer Hütte nicht weit. Seine Umarmungen wärmten dem Mädchen die Haut, und seine Küsse lösten ihm die Krämpfe von den Gliedern. Und es schlief glücklich und träumte nichts.

Am Morgen dampfte der Kaffee in der Kanne. Und war da Käse und Brot und alles, was das Mädchen gerne hatte. Aber als es gegessen hatte, spürte es einen Stich, der ging ihm tief in die Brust, und es fasste danach und fand nicht mehr als einen Tropfen Blut.

Da lief es davon. Und seinem Liebsten rollte der Kopf vom Hals. Bleib bei mir!, rief der Kopf. Bleib bei mir! Und die Augen rollten wild vor Schmerz und die Lippen schürzten sich lustvoll. Da warf es sein Halstuch darüber und war für immer verschwunden.

Am nächsten Morgen kehrte es an den Hof zurück. Es sah den Arbeitern zu, die die schweißnassen Hemden übers Gatter hängten und sich die nackten Bäuche am Trog wuschen. Die Schönen fahren mir wie Messer in den Leib, dachte es. Vielleicht ist es doch besser, ich nehme einen von diesen Hässlichen.

Da hatte einer den Gedanken erraten, und wo einer ihn erraten hatte, errieten ihn alle, so laut dachten sie, und ihre Blicke saugten an seiner Haut.

Da lief es abermals fort und in die Berge, wo sie am höchsten waren. Ein Adler glitt dort durch die Luft, das sah so schön aus.

Da riss es einer zurück und trug es hinab ins Tal, den hatte das Alter geduldig gemacht. Und es erzählte die ganze Nacht, bis sein Herz leicht war, und schlief dann fest und sicher in der Hütte und träumte nichts.

Am Morgen dampfte der Kaffee in der Kanne. Und war da Käse und Brot und alles, was es gerne hatte. Aber als es gegessen hatte, spürte es einen Stich, der ging ihm tief in die Brust, und es fasste danach und fand nicht mehr als einen Tropfen Blut.

Da lief es davon. Und seinem Liebsten rollte der Kopf vom Hals. Bleib bei mir!, rief der Kopf. Bleib bei mir! Und ein Ohr riss sich los und wollte dem Mädchen nach wie ein Hündchen, und wollte in den Saum seines Kleides springen, damit es immer hören könne, was das Mädchen sagte.

Da schüttelte es sein Kleid aus und zertrat das Ohr, und war für immer verschwunden.

Und wieder stand das Mädchen am Acker. Und als sie dachten, es höre sie nicht, sprachen die Männer wieder über das Mädchen und sagten, es hätte sich nun zweien hingegeben, das Morgentäubchen hätte ihnen das gezwitschert, und wisse das Täubchen doch noch von so vielen anderen, die ungestillt zu Bette gingen, und in der Laube sei es kühl und die Pause noch lang genug.

Da lief es davon und in den Wald, wo der am dicksten war und wollte dort einem starken Ast ein Pendel machen. Aber die Nacht warf ihr schweres Tuch, bevor es fündig war. Da legte es sich unter einen Baum und umfasste eine Wurzel, die war sein Kopfkissen und zog die Zweige zu sich herab, die waren seine Decke. Es schlief und träumte, es sei jemand nachts bei ihr gewesen und hätte etwas in seinen Leib wachsen lassen. Davon schrak es hoch, aber fand sich noch ganz und völlig unverletzt und stark und frisch, sodass es mit dem Morgenlicht, das durch die Kronen brach, los lachte. Denn seine Haut war mit duftender Rinde überwachsen in dieser Nacht, und nie mehr würde jemand sie zerreißen können, und sei es auch der Liebste, der sich denken ließe.

(Alle hier veröffentlichten Texte unterliegen dem Urheberrecht. Sie stehen den Nutzern allein zu persönlichen Zwecken zur Verfügung. Jede darüber hinausgehende Verwertung, namentlich die Vervielfältigung, Verbreitung oder Veröffentlichung, bedarf der Zustimmung des Autors. Die Illustrationen stammen von der Wiener Künstlerin Olivia Weiß.)

Die neue Rutsche
Eine neue Rutsche führt jetzt ins Schwimmbecken! Eigentlich ist es nicht richtig, von einer Rutsche zu sprechen. Bei genauerer Betrachtung scheint es sich vielmehr um eine Art Abschussvorrichtung zu handeln. Tatsächlich: Ein Mensch rutscht nicht von oben hinab ins Becken, sondern umgekehrt: Er wird aus dem Becken hinauf und zwar genau in ein schmales Loch weit oben in der Mauer hineinkatapultiert. Wenn ein Schwimmer dort oben anlangt ist es ihm, als würde ihn etwas tief in das Loch hinein saugen. Es mögen Ventilatoren in dem Loch sein. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall wird dem auf diese Weise Eingesaugten das Fleisch zerschnitten, was aber zum Glück völlig schmerzfrei passiert. Man kann es beobachten, zum Beispiel von einem Liegestuhl am Beckenrand aus. Viele meiner sogenannten Freunde sind auf diese Weise aus dem Becken katapultiert und dort oben vom Ventilator eingesaugt und zerhäckselt worden. Anfangs gab es auch Proteste gegen diese Neuerung. Ich erinnere mich, dass einer – war es ein Bekannter oder ein Fremder, der mich in der Halle ansprach? – zu mir sagte, er weigere sich, das Becken zu betreten, solange er nicht sicher sein könne, dass ihn das Katapult nicht versehentlich etwa an die Wand oder gegen das Fenster und nicht wie vorgesehen in das Loch und in den Ventilator hineinschleudere. Er würde nicht weiter hümpeln. So drückte sich dieser Mann aus. Ich war froh über seine Äußerung. Denn auch ich habe Angst. Es müsste eigentlich möglich sein, eine Treppe hinauf zu bauen. Aber die Politik schweigt beharrlich und der kleine Mann hat wie immer das Nachsehen.

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Durch die Fliege betrachtet
Menschen wie ich, sagte ich mir, müssen sich immer wieder neu dafür entscheiden. Bei uns geht es nie von selbst, nie als eine Selbstverständlichkeit, nie ohne darüber nachzudenken, nie ohne nicht eine Stunde, oft genug aber auch halbe Vormittage gedanklich damit im Kopf hin- und herzulaufen. Einmal aber wachte ich auf, und spürte bereits beim Aufschlagen meiner Lider die knisternde Veränderung dahinter.

Als ich mich nämlich einmal nicht mehr dazu entscheiden konnte, als ich die Frage sofort mit „Nein!“ beantworten musste, als ich immer wieder „Nein!“ sagte, in der ersten Stunden nach meinem Aufwachen dreimal, danach immer wieder und über den ganzen Vormittag hinaus: keinen Kaffee machen!, keine Zeitung!, das Haus nicht verlassen!, kein Toilettengang!, nicht wieder einschlafen!, niemanden anrufen!, nichts trinken!, nichts lesen!, nichts zur Hand nehmen!, nichts niederschreiben! Als ich also über eine Stunde einfach im Bett lag und den Fliegen zusah, die den Schweiß von meiner halb auf den Fußboden herabgerutschten Hand saugten, die schließlich immer respektloser wurden, aufdringlicher, die sich auf mir paarten, auf mir Nachkommen zeugten, auf mir einschliefen, wie ich feststellte, fand ich, dass es gut war. Einmal nur hob ich den Kopf vom Kissen, da war die Sonne bereits über den Häusern, und als ich ihn wieder senkte, war es Nachmittag und die erste Fliege starb auf dem Leintuch neben mir. Sie drehte sich über eine halbe Stunde im Kreis, wie ich von meinem Wecker ablas, immer im Kreis, bis sie plötzlich liegen blieb, und es war Abend, dann Nacht und dunkel, und ich schloss die Augen und fiel endlich todmüde auf das Kissen zurück.

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In den Wänden
für J.

Zwei Nächte verbrachte ich bei meinem Vater. Du denkst an Berge, wenn du an Österreich denkst, du erinnerst dich an die Luft, die du auf einer deiner Reisen in die Lunge gezogen hast. Vielleicht denkst du daran, wie der Schnee unter deinen Schiern knarzt, oder an Seilbahnen, die über dicht bewaldeten Hängen schaukeln; in Wahrheit jedoch ist das, was ich meine Heimat nenne, eine flachgedrückte Ebene.

Kein Fremder ist jemals an diesem Ort dem Zug entstiegen. Du wärest der erste. Und würdest du dann an der Eingangstür meines Vaterhauses stehen und dich noch einmal zurückwenden, so ginge dein Auge über eine unendliche Fläche aus Feldern und brachliegendem Land, und nichts finge deinen Blick auf, keine Erhebung, kein Wald, nicht die Lichter einer Stadt. Nur die Felder der Sonnenblumen würdest du sehen, die bis an den Horizont reichen, deren Köpfe so schwer sind, dass sie sich kaum bewegen, wenn der Wind an ihnen reißt, und die Stimmen der Kinder hören, die aus der Schule am Ende der Straße kommen; immer noch laufen sie durch dieselben Tore, durch die auch ich gelaufen bin, immer noch lachen sie, stellen sich ein Bein, stecken sich Sonnenblumenkerne zwischen die Zähne und treten sich mit den Spitzen ihrer Schuhe gegen die Schienbeine.

Eben dort, am Rande der Sonnenblumenfelder, stand ich und wartete, bis die Stimmen verstummt waren. In der plötzlichen Stille hörte ich, wie eine leere Medikamentendose über die ­Gitterstäbe eines Kanaldeckels rollte. Der Wind musste sie aus dem Mülleimer vor der Haustür gerissen haben. Sie hatte sich zwischen den Gitterstäben verfangen, schaukelte dort hin und her, bis sie plötzlich frei kam und vom Wind an der Gehsteigkante hinabgetrieben wurde. Es dauerte viel zu lange, bis ich den richtigen Schlüssel fand, und als ich das Haus meines Vaters betrat, war meine Hand, die den Koffer vom Bahnhof bis hierher getragen hatte, unendlich müde geworden.

Mein Vater ist krank, weißt du, aber nicht das ist es, was mich wach hält. Es sind seine Schritte. Sie wecken mich, wenn er nachts im Haus umherirrt, wenn er schlaflos die Treppen neben meinem Zimmer auf- und absteigt. Mit seinen schweren Füßen nimmt er mir den Schlaf. Ich höre, wie er stehen bleibt, wie er atmet. An der obersten Treppenstufe steht er dann, und das Pfeifen seiner Lunge erscheint mir plötzlich so nahe, als wäre nicht er, sondern ich selbst der Keuchende. Im dunklen Zimmer starre ich auf die geschlossene Tür und höre die Schritte. Er geht ins Wohnzimmer. Den Fernseher macht er dort an, aber er setzt sich nicht, er steht vor dem laufenden Gerät; stell dir vor, wie das bläuliche Licht des Schirmes auf seinem weißen Schlafrock flackert, wie es sich in seinen Augen spiegelt wie in trüb gewordenen Glaskugeln. Aber keine Sekunde lang wird er in den Fernseher blicken, und hat er ihn endlich wieder ausgemacht, steht er dort noch viel zu lange, als wollte er noch etwas hören. Aber es gibt keine Laute außer denen seiner nackten Füße, die nun wieder über den Teppich streifen.

Er geht zurück zu den Treppen, aber vor meinem Zimmer bleibt er stehen. Er wartet, und mit ihm warte ich hinter der Tür, im Zimmer unter den Decken, bis er schließlich die Hand auf die Klinke legt und die Tür öffnet. Ich kann dir nicht sagen warum. Von einer Lampe im Treppenhaus fällt Licht über den Teppichboden in mein Zimmer, noch eine Sekunde zögert Vater, die Tür hat er nun ganz aufgedrückt, aber nur einen Schritt macht er in mein Zimmer, dann bleibt er stehen und seufzt, denn ich schalte kein Licht an, ich atme nicht, bewege mich nicht, wie tot liege ich unter den Decken. Nur auf den Fuß, auf den das Licht von draußen fällt, blicke ich, auf die Venen, die sich wie blaue, dicke Schnüre an seiner Wade empor winden. Ich kenne sie, ich kenne Vaters Fuß besser als meinen eigenen, denn jede Nacht blicke ich darauf, solange, bis Vater sich wieder umdrehen wird. Er wird zurückgehen, schlaflos in der Dunkelheit, einsam die Tür hinter sich zuziehen, und ich werde dann die Füße hören, die draußen vor meinem Zimmer die Treppen hinabsteigen.

Am Morgen sitze ich beim Frühstück. Er hat Kaffee für mich gekocht, ich weiß, er war es, der mir das Brot geschnitten, der mir die Tasse und den Teller hingestellt hat, doch daneben, neben Marmelade und Honig, neben der Butter, die im gleichen Tiegel steht wie damals, liegen Berge von Medikamentenpackungen, die alle ihm gehören. Ich greife danach, ich lese die Packungs­beilagen, ich will wissen, wie schwer seine Krankheit ist, ob es stimmt, dass er, der Unsterbliche, sterben wird. Doch sobald ich seine Schritte höre, die nun, weil sie ja immer mich suchen, die Treppen herab in die Küche kommen, lege ich alles weg, als hätte ich Verbotenes getan.

Plötzlich habe ich dann eine Zeitung auf­geschlagen, die vor mir auf dem Esstisch liegt, ich blättere darin, sogar den Finger strecke ich aus und fahre Buchstaben entlang, vielleicht entkommt mir ein Lachen oder ich schüttle den Kopf. Was ich mit der anderen Hand mache: ein Messer nehmen, das Brot streichen, den Honig von meiner Fingerkuppe lecken, aber Vater durchschaut mich. Er weiß, dass ich nicht lese.

Er kommt näher, bis er am Esstisch stehen bleibt, das Lesen habe ich zu diesem Zeitpunkt längst aufgegeben. Wenn ich auch die Augen nicht hebe, so konzentriere ich mich doch mit all meiner Kraft auf Vater, der wenige Schritte entfernt in seinem Schlafrock steht, die Hände hängen ihm herab, nichts hält er mehr mit ihnen, fasst nichts an, er schlägt nicht die Faust in die leere Handfläche, wie er es früher bei jeder Gelegen­heit getan hat. Er scheint nicht zu wissen, ob er noch einen Schritt auf mich zugehen darf. Er sagt, dass es ihm gesundheitlich gar nicht gut gehe. „Gesund­heitlich“, sagt er, „geht es mir gar nicht gut.“ Er zählt Krank­heiten auf, die ich zuvor auf den Packungs­beilagen gelesen habe, Krankheiten, die ihn befallen haben, die ihn heimsuchen, ihn niederstrecken werden. Vor einigen Wochen habe sich zudem die Netzhaut von seinen Augen abgelöst. Er streckt die Faust, legt die andere Hand darüber, die Faust ist sein Auge, von ihr löst sich die andere Hand. Nur aus den Augenwinkeln sehe ich dies, denn immer noch habe ich die Zeitung vor mir, die Buchstaben, die mich immer schon vor ihm gerettet haben. Ich blättere wieder. „Kannst du dir vorstellen“, fragt er, „dass ich blind werde?“ Aber ich kann es mir nicht vorstellen. Ich starre in die Zeitung, ich lese nicht, ich stelle mir den blinden Vater vor und kann ihn mir nicht vorstellen. Und wenn ich dann endlich die Zeitung weglege, sehe ich ihn und sehe ihn nicht, spreche mit ihm und spreche nicht mit ihm, ich streiche Butter aufs Brot, ich trinke Kaffee, ich nicke, ich stehe auf.

Am Vormittag des zweiten Tages bat er mich, ihm im Keller zu helfen, er wolle einige Kabel verlegen. Also stand ich neben ihm und beobachtete den Schweiß, der ihm über die Schläfen lief. Jede Bewegung, die er früher mit Leichtigkeit ausgeführt hatte, strengte ihn jetzt an. Er stand auf einer Leiter und fuhr mit Kabeln in Schächte in der Wand, ich hatte weiter nichts zu tun, als dazustehen, meine Hände steckte ich mal in die Hosentasche, mal zog ich sie heraus, wickelte das Kabel von der Spule, reichte ihm einen Schraubenzieher, den er leicht selbst hätte erreichen können, blickte zu ihm auf, sah den Schweiß laufen. Er will ja nicht, dachte ich, dass ich ihm helfe. Mit aller Kraft presste er die Kabel in einen Schacht, aber sie verhakten sich, und er musste sie wieder herausziehen. Immer noch, dachte ich, will er der Vater sein. Wir wussten beide nicht, wohin diese Löcher führten, also ging ich im dunklen, weit verzweigten Gewölbe unseres ­Hauses auf und ab und hörte, wo die Kabel in den Wänden raschelten. „Ist es dort?“, rief er mir nach. Ich kehrte um. „Nein“, sagte ich, aber auch da hatte ich die Hände schon wieder in den Hosen­taschen. Sein Hemd war mittlerweile mit Schweiß ge­tränkt. An der Wand lief ein Weberknecht, eine Kabelschiene fiel zu Boden, Vater fluchte, einige Zeit lang blickten wir beide darauf, dann hob ich sie auf und konnte mich nicht daran erinnern, ihn je ­fluchen gehört zu haben. Vater sagte: „Verdammte Scheiße!“, und dass er von all dem schon genug habe, er sah mich an und sagte noch einmal: „Von all dem“, und ich fragte nicht weiter.

Ich reichte ihm das Stemmeisen aus dem Werkzeugkasten, ich schleifte die Holzleiter über die Kellerfliesen, ich ging und suchte die Öffnung, aus der die verlegten Kabel wieder hervorkommen sollten, aber fand sie nicht.

Ich könne doch auch in der Nähe bleiben, sagte er, vielleicht wieder in die Wohnung nebenan ziehen. Noch nie hatte ich soviel Schweiß in seinem Gesicht gesehen. Vater wurde zornig, er stocherte mit dem Kabel in der Öffnung, schlug dann mit der Faust dagegen, ich sah, wie der Verputz von der Wand rieselte und in seinen Haaren hängen blieb. Warum ich denn immer alles wegwerfen müsse, sagte er. Ich reichte ihm die Kabelschiene. Meine Erklärung verstand er nicht.

Stunden später hielt ich das aufgerollte Kabel wieder in der Hand. Es ist kein Durchkommen, dachte ich. Vater saß auf der untersten Sprosse der Leiter, wischte sich den Schweiß mit einem Handtuch, das er dann zu Boden warf. Kurz sahen wir einander an. Ich erinnerte mich plötzlich daran, dass man immer wieder die Ähnlichkeit unserer Augen betont hatte. Ich hob das Handtuch auf und spürte Vaters warmen Schweiß an meinen Fingern.

(Alle hier veröffentlichten Texte unterliegen dem Urheberrecht. Sie stehen den Nutzern allein zu persönlichen Zwecken zur Verfügung. Jede darüber hinausgehende Verwertung, namentlich die Vervielfältigung, Verbreitung oder Veröffentlichung, bedarf der Zustimmung des Autors. Die Illustrationen stammen von der Wiener Künstlerin Olivia Weiß.)

Im Hotelzimmer
Auf dem Bett lagen ein Mann und eine Frau, beide völlig nackt. In einem Anflug von Zärtlichkeit hatte er eben ihren Kopf zu sich herangezogen, mit beiden Händen hielt er ihn jetzt, ihre spitzen Ohren zwischen Zeige- und Mittelfinger eingeklemmt, als das Telefon am Nachtkästchen kurz klingelte, nicht öfter als zwei oder dreimal, lang genug jedoch, um ihn aus seinem Tagtraum zu reißen.

Es war ein grünes Tastentelefon. Wählen Sie 0 für den Zimmerservice stand dort in mehreren Sprachen. Es ängstigte ihn. Er wollte jetzt alles fallenlassen und aufstehen, den riesigen Zimmerschlüssel aus dem Aschenbecher nehmen, aber er hatte nicht die Kraft dazu.

Die Balkontür war nur angelehnt, er hörte die Brandung und die Möwen, die über den nackten, roten Felsen gegen den Wind ankämpften, er hörte ihr Kreischen wie das von Kindern. Eine graue Wolkenschicht überdeckte das Dorf mit seinen unzähligen Giebeln und Kirchturmspitzen, hüllte es ein, verschlang es.

Eine Hitze stieg in ihm hoch. Er musste sich darüber klar werden, wo er war. Der Kopf der jungen Frau lag in seinen Handschalen, immer noch waren ihre Augen geschlossen. Der Ausdruck in ihrem Gesicht erschien ihm jetzt vielmehr unverbindlich als liebevoll, ein Lächeln wie es Zimmermädchen hatten, die in Anwesenheit des Gastes die Decke glatt strichen. Sie schlief noch fest, er wollte sie nicht wecken.

Er beugte sich zu ihr hinab, er küsste sie und strich mehrmals über ihre leicht geöffneten Lippen, aber ihr Ausdruck blieb ihm fremd und unverständlich, er konnte nichts wieder zurückholen. Wie lag sie da vor ihm: ihr linkes Bein grotesk abgewinkelt, der Kopf überstreckt, sodass ihr Kehlkopf weit herausragte. Wenn jetzt jemand hereinkäme!, dachte er.

Dieser Gedanke trieb ihn aus dem Bett.

An der Balkontür waren ihre Kleider zu einem Häufchen zusammengefallen, ihr schwarzer Rock, die weiße Bluse. Er erinnerte sich noch gut daran, wie sie einander gegenseitig in ihrer Nacktheit überrumpelt hatten und ihnen so für einige Augenblicke die Gebärden der Liebenden entfallen waren, wie sie einander hilflos gegenüber standen, die Arme vom Körper abstehend wie knorrige Äste.

In den vielen Stunden hatte sich der Stoff in der Abendsonne erwärmt, er spürte es gerne an seinen Fußsohlen.

Als er die Balkontür öffnete, rieselten Sandkrümel aus den Verschlüssen zu einem Muster auf dem Parkettboden. Wie sah das aus? Wie ein Blitz, der aus ihrer Kleidung herausschoss! Salzige Meeresluft strömte nun zu ihm ins Zimmer, im aufkommenden Sturm knatterte die Markise, das Meer erschien ihm grau und ungesund. Stimmen drängten sich jetzt zwischen das Kreischen der Möwen und das Wellendonnern, es war das dumpfe Grölen der betrunkenen Karnevalstouristen. Unter dem silbrig-trüben Himmel sah er jetzt auch die Lichter im Dorf, die sich wie Fackeln einer wütenden Menge auf das Hotel zubewegten, ob aus Zorn oder Freude war nicht mehr zu unterscheiden, denn alles außerhalb seines Zimmers schien ihm nun von jener Ausgelassenheit, die den Fremden in einem Moment noch wie einen Bruder umarmt, um im nächsten schon zerfleischend über ihn herzufallen.

Mit vor Kälte zitternden Händen schloss er die Balkontür. Ihm schwindelte. Nur das schläfrige Seufzen der Frau zog ihn wieder zurück aufs Bett. Wie warm und weich ihr Körper war, wie jung sie aussah, wie lächerlich aber er, der sich im Spiegel beobachtete, wenn er sich zu ihr hinabbeugte und die Augen dabei weit in den Höhlen hinaufdrehen musste!

Sie wachte auch jetzt nicht auf. Wie in einem sanften Traum gefangen schob sie nur eine Hand auf sein Bein, öffnete die Lippen einen Spalt, aber sagte nichts mehr, sondern seufzte wieder in glücklichem Schlaf. Er wischte alles beiseite. Es ekelte ihn.

Er stand auf und trat so dicht ans Fenster, dass der Hauch aus seinem Mund das Glas trübte.

Er hörte das Grölen der Menge draußen, die Trommelschläge, die alles Leben aus den Häusern heraus- und in sich hineinzogen, die alles aufsaugten, sich einverleibten; auch am Hotel würden sie keinen Halt machen. Das wusste er.

Das Telefon klingelte nun wieder. Er hörte Stimmen auf dem Gang, ein plötzliches Pochen an der Tür ließ ihn zusammenzucken. Für einige Augenblicke schloss er die Augen in der Hoffnung, es würde aufhören, aber man rief nach ihm, er erkannte die Stimme der Rezeptionistin, dazwischen auch die von Betrunkenen, das dumpfe Schlagen der Trommeln, als würde der Schlägel direkt das dünne Pressspanholz seiner Zimmertür erschüttern.

Er hörte seinen Namen. Man nannte ihn Herr. Es war alles zu spät. Er nahm seine Kleidung von der Stuhllehne, zog sich an, ihre hingegen, die von Sand bedeckt war, trat er unter das Bett. Wieder pochte es. Es waren spanische Stimmen vor seiner Tür, das betrunkene Lachen verschiedener Hotelgäste, das Klirren von Bierflaschen. Dann wieder das Rufen der Rezeptionistin, diesmal zornig und auf Spanisch. Und trotzdem hätte er es fast überhört. Der Vorname der jungen Frau erstickte in all dem Lärm. Er sah kurz auf, aber nicht länger, als hätte er nur ein lästiges Geräusch vernommen, für dessen Erklärung er jetzt nicht die Zeit hatte. Im Spiegel band er die Krawatte, aber er wagte nicht, sich dabei in die Augen zu sehen.

Er nahm den Zimmerschlüssel aus dem Aschenbecher und hatte ihn schon ins Schloss gedrückt, als er sich doch noch einmal nach der Frau umwandte, sich zu ihr herabbeugte, aber nur noch Ekel empfand für diesen fremden Körper. Mit Grausen fasste er die Decke vom Boden und warf sie über die Schlafende und ging dann am Bett von Ecke zu Ecke, um die Daunen mit beiden Händen zu einer völlig glatten Fläche zu verstreichen.

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