Die Arbeitswelt der Zukunft

wildschwein-olivia-weissDie Arbeitswelt der Zukunft

Eine Freundin, einer der klügsten und gebildetsten Menschen, die ich kennenlernen durfte, hatte sich um ein Praktikum als Redakteurin beworben.

„Ich hab’s nicht geschafft“, erzählte sie. „Weißt du, die anderen hatten einfach die besseren Ideen.“

Um ihre Eignung zu prüfen, war sie nämlich in einem sogenannten Assessment-Center vor die schwierige Aufgabe gestellt worden, eine Idee für die „Arbeitswelt der Zukunft“ zu entwickeln. Der Projektvorschlag des umjubelten Gewinners, der sich – wie es im Newsletter der Redaktion hieß – bereits sehr darauf freute, sechs Monate unbezahlt zu arbeiten, würde die Arbeit in den Redaktionen dieser Welt stark vereinfachen. Durch den Einsatz einer Ghostwriter-Software bräuchte es pro Zeitung zukünftig nur noch einen einzigen Redakteur. Dieser hätte lediglich die Software mit entsprechenden Schlagwörtern zu füttern. Auch die politische Ausrichtung des Geschriebenen ließe sich an einer zehnstufigen Skala einstellen: von rechts bis links, von liberal bis „Erdogan“. Die Software, für die lediglich einmal jährlich eine Lizenzgebühr fällig wäre, könne aber auch Gedichte schreiben, also vom Duft der Schneeglöckchen berichten oder von der Einsamkeit einer Raupe auf einer grünen Vorhangstange.

„Schade, dass es nicht geklappt hat“, sagte ich. „Aber jetzt möchte ich doch zu gern wissen, womit du dich denn beworben hast?“

Nun, räumte sie zerknirscht ein, sie hätte es sicher übertrieben, aber ihr Vorschlag für die „Arbeitswelt der Zukunft“ basiere nun einmal auf der verrückten Idee, dass auch die reichsten Menschen ihre Gewinne zu versteuern hätten. Arbeitende Menschen müssten für ihre Arbeit ganz einfach bezahlt werden und alleinerziehende Mütter würden finanziell unterstützt anstatt systematisch in die Armut getrieben. Das aber sei der Jury einfach viel zu utopisch gewesen.