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Der Mann, das Geld und der Salat         Die Arbeitswelt der Zukunft

 

Der Mann, das Geld und der Salat

Was soll ich Ihnen sagen, die Menschen lieben nun einmal das Geld. Es ist Sonntagvormittag und ein Mann mit lustigen Haaren findet beim Umstechen seines Gartens einen 50-Euro-Schein. Was für ein Tag, sagt er und wischt sich den Schweiß in sein Hemd. Die Menschen lieben eben das Geld. Sie springen in die Luft, wenn es unverhofft irgendwo auftaucht und drücken es sich ans Herz. So mancher, hörte ich, nehme seinen Geldschein mit ins Bett, kuschle mit ihm oder baue ihm ein kleines Bettchen aus Porzellan.

Wenn einer 50 Euro findet, lässt er den Spaten fallen und macht sich ein Bier auf. Am blau-weiß gestreiften Küchentisch streicht er den Schein glatt. Ja, was außer Geld vermag einem Menschen ein solches Strahlen ins Gesicht zu zeichnen! Er küsst und küsst, er prostet seinem Geldschein zu, faltet ihn auf und zusammen. Ja, liebe Leserin, lieber Leser, dieses Glück zaubert auch uns, die wir nichts gefunden haben, ein Lächeln auf die Lippen. In diesem Glück könnte ich Sie jetzt belassen. Genießen Sie es noch eine Weile. Denn gleich passiert etwas. Gleich nämlich wird unser Mann hochschrecken und seinen Geldschein rasch in die Hemdtasche stecken.

Wenn einer Geld findet, will er es für sich allein. Das weiß jedes Kind. Wo wahre Liebe einzieht, wohnt die Eifersucht gern gratis zur Untermiete. Nur sagen manche, so eine Liebe sei nicht rechtens. Ich saß im Park gegenüber, als dieser Geldpolizist am Haus unseres Mannes läutete und mit gierigen Händen über dem Gartentor hing. Ein wahrer Schein, hörte ich, sei nur der, der von Hand zu Hand gereicht. Er müsse unter Seinesgleichen, alle anderen Vorgehensweisen widersprächen der artgerechten Haltung.

Er nahm den Schein und trug ihn fort. Niemand wird wissen, welchen Händen er nun zum Glück gereicht, und sollte unser Mann ihn je wieder in die Hände bekommen, so bleibt er ihm wohl unerkannt, wie doch auch wir unsere erste große Liebe aus Kindertagen nicht mehr erkennen, wenn sie uns heute vor dem Einkaufszentrum einen Handyvertrag anbietet. Wir denken nun an den armen Mann. Von Unruhe aufgescheucht geht er hinaus, um kleine Salatköpfe zu setzen. Aber die werden von Schnecken gefressen werden. Sein Rücken schmerzt. Und später sitzt er allein in seiner Stube, um dort in seine nackten Handschalen zu starren.


Die Arbeitswelt der Zukunft

Eine Freundin, einer der klügsten und gebildetsten Menschen, die ich kennenlernen durfte, hatte sich um ein Praktikum als Redakteurin beworben.

„Ich hab’s nicht geschafft“, erzählte sie. „Weißt du, die anderen hatten einfach die besseren Ideen.“

Um ihre Eignung zu prüfen, war sie nämlich in einem sogenannten Assessment-Center vor die schwierige Aufgabe gestellt worden, eine Idee für die „Arbeitswelt der Zukunft“ zu entwickeln. Der Projektvorschlag des umjubelten Gewinners, der sich – wie es im Newsletter der Redaktion hieß – bereits sehr darauf freute, sechs Monate unbezahlt zu arbeiten, würde die Arbeit in den Redaktionen dieser Welt stark vereinfachen. Durch den Einsatz einer Ghostwriter-Software bräuchte es pro Zeitung zukünftig nur noch einen einzigen Redakteur. Dieser hätte lediglich die Software mit entsprechenden Schlagwörtern zu füttern. Auch die politische Ausrichtung des Geschriebenen ließe sich an einer zehnstufigen Skala einstellen: von rechts bis links, von liberal bis „Erdogan“. Die Software, für die lediglich einmal jährlich eine Lizenzgebühr fällig wäre, könne aber auch Gedichte schreiben, also vom Duft der Schneeglöckchen berichten oder von der Einsamkeit einer Raupe auf einer grünen Vorhangstange.

„Schade, dass es nicht geklappt hat“, sagte ich. „Aber jetzt möchte ich doch zu gern wissen, womit du dich denn beworben hast?“

Nun, räumte sie zerknirscht ein, sie hätte es sicher übertrieben, aber ihr Vorschlag für die „Arbeitswelt der Zukunft“ basiere nun einmal auf der verrückten Idee, dass auch die reichsten Menschen ihre Gewinne zu versteuern hätten. Arbeitende Menschen müssten für ihre Arbeit ganz einfach bezahlt werden und alleinerziehende Mütter würden finanziell unterstützt anstatt systematisch in die Armut getrieben. Das aber sei der Jury einfach viel zu utopisch gewesen.